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Sandwirt
nimmt die Adlerfahne, die an der Wand lehnt, und
spricht gegen die Wiege hin, an der die Hiesin dumpf
brütend kauert: Du jungs Adlerbüebl, da han i dir
enkern Fahn zruckbracht. I tue dir ihn derweil da eine,
wo er früher gwesen ist! Birgt die Fahne in der
tiefen Höhlung des mächtigen Nußbaumstammes. Gegen die
Wiege hin: Und wenn wieder einer aufsteht, der uns
Land und Heimat nehmen will, nacher nimmst den Fahn und
tragst ihn wie deine Vatersleut, durch Bluet und Tod und
Not und Teufl! Nimmt die brennende Laterne, die ihm
die Kellnerin gebracht hat, geht durch das Hoftor und
verschwindet, einen weithin sichtbaren steilen Weg
aufwärts steigend, mit der Laterne im Abenddunkel.
Kellnerin und Hiesin sind in das offene Hoftor getreten
und sehen ihm nach, bis der Lichtschein der Laterne
verschwindet.“ (Schönherr, Volk in Not, in:
Chiavacci (Hg.), Bühnenwerke, 327)
Mit dieser Szene,
zeitlich anzusetzen rund eine Woche nach den Kämpfen am
Bergisel vom 13. August, endet Karl Schönherrs Drama
„Volk in Not“. Die Handlung des Stückes ist schnell
erzählt. Der erste von drei Akten spielt im Hof des
Rotadlwirtshauses. Andreas Hofer stößt zu den dort
versammelten Personen, um diese davon zu überzeugen, mit
ihm in den Kampf gegen die Franzosen und Bayern zu
ziehen. Während die Männer schnell überredet sind, weist
vor allem Hiesin, die schwangere Schwiegertochter des
Rotadlwirts auf den zwischen Österreich und Frankreich
geschlossenen Frieden hin, womit sie vermutlich den
Znaimer Waffenstillstand vom 12. Juli 1809 meint.
Der zweite Akt schildert
die Kämpfe um den Bergisel am 13. August. Die aus dem
ersten Akt bekannten Männer der Rotadlwirtsfamilie
liegen verschanzt in den Wäldern um Innsbruck und wehren
die Sturmangriffe der Bayern und Franzosen ab. Einer
nach dem anderem wird dabei getötet, die Rotadlwirtin
verliert so ihren Mann und ihre drei Söhne, darunter
auch ihren jüngsten, Rotadlwirtsseppele, der noch ein
Kind war. Als Seppeles Vater seinen Sohn, völlig
entsetzt über dessen Anwesenheit noch nach Hause
schicken will, schreitet Andreas Hofer ein: „Sandwirt
wild erregt wieder in den Schützenketten auftauchend,
zornig: Wer redt da von Heimgehn? Wir brauchn an‘
jeden, groß oder kloan!“ (Ebd., S. 308)
Im dritten und letzten
Akt kehrt Hofer zum Rotadlwirtshaus zurück. Dort
berichtete er der Hiesin, die inzwischen einen Sohn zur
Welt gebracht hat und deren Schwiegermutter, der
Rotadlwirtin, dass alle ihre Männer gefallen sind. Aber
obwohl die beiden Frauen nun vor den Trümmern ihrer
Existenz stehen, hegen sie keinen Groll gegen Hofer,
welcher die Männer immerhin zum Kampf überredet hatte.
Vielmehr wird Hofer als die Figur im Stück stilisiert,
an die sämtliche Hoffnungen geknüpft sind, bildlich im
eingangs geschilderten Schluss-Tableau verdeutlicht. Die
Frauen bleiben im Dunkeln zurück während Hofer, nur noch
als Licht erkennbar, gegen den Himmel wandert.
Karl Schönherr schrieb „Volk in Not“ zwei Jahre nach
Ausbruch des ersten Weltkrieges, die Funktion des
Stückes ist klar. Entgegen einer heute wahrscheinlichen
Lesart des Stückes als „Anti-Kriegs-Drama“, welche die
am Schluss stattfinden Apotheose
Hofers als nachgerade
absurd empfinden würde, sollte „Volk in Not“ im Jahr
1916 den Schmerz der Hinterbliebenen lindern und
erklären, warum Väter, Ehemänner und Söhne sterben
mussten. Und so schrieb ein Kritiker nach der Premiere:
Was gestern noch Legende war, ist heute wiederum
Wirklichkeit. Nur berührt es nicht die Tiroler allein.
Ganze Völker spüren gleiche Not“. (Ebd., S. 30.)
Peter Andorfer
Quellen und Literatur
- Vinzenz K. Chiavacci
(Hg.), Karl Schönherr. Gesamtausgabe, Bühnenwerke. Wien
1967, darin „Volk in Not“ S. 283-328. |