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Andreas von Dipauli bezog sich mit diesem
Eintrag nicht nur auf die fehlenden ausgesprochenen
Informationen, sondern er deutete auch die Stille der
Stadt. Die Zeit des Aufstandes lässt sich als eine
zunehmende und abebbende Geräuschkulisse lesen, in der
es lebensnotwendig für die Hörenden war, die Signale
richtig zu interpretieren. Die Bedeutung dieser Art von
Kommunikation tritt am deutlichsten in Dipaulis
Tagebuch, das er sehr zeitnah geführt hat, zutage.
Zum einen waren da die Glocken, die nicht
nur zu Gottesdiensten riefen. Sie kündigten auch die
Sammlung des Sturmaufgebots an. Wer dies hörte, wusste,
es war Gefahr im Verzug und es galt zu handeln. Um 4
Uhr morgens ertönte wieder die Sturmglocke. Der Feind
komme von Scharnitz her, hieß es. Der ganze Sturm, und
auch das öst. Militär zog dahin. – Es war wieder blinder
Lärm, notierte Dipauli für den 15. April 1809 (p.
18r). Glocken konnten aber auch Sieg und Freude
verkünden. Nach dem ungewissen Warten, ob die
Österreicher nach dem Beginn des Aufstandes kommen
würden oder nicht, ritt am 14. April 1809 nach neun Uhr
ein einzelner österreichischer Cuirassier unter großem
Jubel des Volkes ein. Um 12 Uhr kam ein kleines
Kavalleriedetachement mit einem Offizier. Alle Glocken
wurden geläutet. Des Jauchzens und Jubelns und Schießens
war kein Ende. (Tagebuch Dipauli, p. 17v) Die genauen
Unterschiede mussten schnell gelernt werden.
Leichter zu interpretieren war der
Zusammenhang zwischen hörbaren Gewehrschüssen und der
Gefahr, wenn das Schießen nicht mit einem freudigen
Anlass in Verbindung gebracht werden konnte. Je näher,
desto gefährlicher. Genau galt es, auf das Herannahen
und Lauterwerden oder das Entfernen und Abnehmen der
Geräuschkulisse zu achten. Wir erfuhren bald, daß die
Bauern von Axams her nach Mitternacht auf die
Militärpiket beym Pulverthurm u. auch anderswo,
geschossen haben, und es dauerte nicht lang, daß wir ein
heftiges Kanonen- u. Musketenfeuer, und eine Menge
Stutzenschüsse hörten, schrieb Dipauli für den 11.
April 1809 in sein Tagebuch. (p. 1r-1v) Und weiter:
Nachdem das wechselseitige Feuern den ganzen Tag
angehalten hatte, hörte es endlich abends ziemlich spät
auf. (p. 2r) Wie in jedem Krieg zerrte das
Gewehrfeuer, das jederzeit Gefahr bedeuten konnte, an
den Nerven – bevor eine Gewöhnung eintrat.
Die Hoffnung, diese Nacht ruhig zu
schlafen, denn gegen den Abend ward in der Stadt
alles still u. ruhig, wurde häufig zunichte gemacht:
Um ½ 3 Uhr weckt uns die Trommel, und das Geschrey:
auf! auf! Lichter an die Fenster! – Man wußte lange
nicht, was es bedeute, u. glaubte, man habe nur den
Zweck, die einquartirten Kompagnieen zum Marsch
aufzufordern. Nach 3 Uhr fängt es auch an, Sturm zu
schlagen. Einige sagen, die Baiern seyen nach Schwaz
vorgerückt; andere, die Bauern hätten angegriffen. Man
ist nicht klar, was eigentlich sey. (Tagebuch
Dipauli, 15. Mai 1809, p. 49v)
Ein- und abmarschierende Truppen
kündigten sich mit Generalmarsch mit Trommeln,
klingendem Spiel und türkischer Musik an.
(Tagebuch Dipauli, 11. Mai 1809, 42v f.) So zog
beispielsweise am 2. Mai 1809 von Matrei, Steinach und
Navis eine Schützenkompanie, 150 Mann stark,
mit fliegenden Fahnen u. mit abwechselndem Spiel von
Trompeten u. von Trommeln u. Pfeifen in Innsbruck
ein. (Tagebuch Dipauli, p. 34r)
Überall wo Menschenansammlungen zusammen
kamen, erhob sich Lärm, der auf sich aufmerksam machte.
Neue Nachrichten wurden mit Trommelwirbel angekündigt.
Die Bevölkerung tat gut daran, sich vor Ort zu
informieren, unabhängig davon, ob es sich wie am 12. Mai
um die Versteigerung von Hornvieh oder am 14. Mai um die
Neuigkeiten von den Kämpfen gegen die Franzosen und
deren Rückzugs- bzw. Marschrichtung handelte.
Außerordentliche Stille war
hingegen gleichbedeutend mit dem Mangel an
Nachrichten und wurde daher als bedrohlich
wahrgenommen. Die eingangs erwähnte, am 6. Mai 1809
bemerkte Stille veranlasste Dipauli zur vorweggenommenen
Befürchtung: Wie bald kann auf die Stille des
heutigen Tages ein fürchterlicher Sturm folgen!
(Tagebuch Dipauli, p. 31v, 38r)
Ellinor
Forster
Quellen und Literatur
- Alain Corbin, Die Sprache der Glocken.
Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im
Frankreich des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1995.
- Wolfgang Meighörner, Das Tagebuch des
Appellationsrates Andreas Alois Baron di Pauli von
Treuheim, in: ders. (Hg.), Wissenschaftliches Jahrbuch
der Tiroler Landesmuseen 2008, Innsbruck 2008, 204-329.
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