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Die Feinde waren so nahe, daß eben der Fürst Wrede
[Karl Philipp von Wrede, Kommandant einer der zwei in
Innsbruck stationierten bayerischen Divisionen]
höchstens nur 2 Scheibenschützen weit bei der
Cognoszierung [Lageerkundung] von uns entfernt
war. (Ein Schmid von Fulpmes zeigte ihm den blanken
Hintern) Von früh um 6 Uhr bis 9 Uhr dauerte noch das
Gefecht von Zirl bis Hall; dann erstürmten die Bayern
die Verschanzungen auf allen Seiten, u. [wir] traten auf
der Straßen u. durch die Waldungen des Iselberges den
Rückzug an. (Pfurtscheller an Rapp, TLA)

So beschreibt Michael Pfurtscheller aus Fulpmes im
Stubaital die 4. und letzte militärische
Auseinandersetzung zwischen Bayern und Tirolern am
Bergisel. Eigentlich war ja schon Friede zwischen Kaiser
und Napoleon geschlossen worden. Die Frage, warum
dennoch gekämpft wurde beschäftigt bis heute die
Historiker. Pfurtscheller ermöglicht einen in der
neueren Literatur noch nicht berücksichtigten Blick auf
die Geschehnisse in den Verschanzungen der Tiroler in
diesen Tagen. Die Vorbereitungen auf Tiroler Seite waren
alles andere als optimal verlaufen, so bezeichnet es
Viktor Schemfil in seiner militärhistorischen
Darstellung des Jahres 1809. Ausschlaggebend für die
Tiroler Niederlage wäre nicht mangelnde Truppenstärke
gewesen, vielmehr habe ein wohldurchdachter
Angriffsplan und eine einheitliche, energische Führung
gefehlt. Pfurtschellers Berichte zum Geschehen lassen
auf fehlende Motivation zumindest seiner Person
schließen. Er habe – so schildert er es in seinen in den
1830er Jahren für Joseph Rapp verfassten Berichten – von
verschiedenen Seiten vom bereits am 14. Oktober
geschlossenen Frieden von Schönbrunn erfahren und diesen
Nachrichten auch Glauben geschenkt. Im Lager der Tiroler
sei diese Nachricht jedoch negiert worden. Als er seine
Kommandanten Anton Aschbacher und Franz Thalguter von
der Friedensnachricht in Kenntnis setzen wollte, hätten
diese ihn mit Arrest bedroht, sollte er nicht darüber
schweigen. Auch die von einem bayrischen Parlamentär ins
Lager am Bergisel gebrachten Abdrucke des
Friedensübereinkommens wurden nicht beachtet.
Weiter berichtet Pfurtscheller, sein Schwager sei am 29.
Oktober mit der Friedensnachricht zu ihm geschickt
worden, um mich in Nahmen der Gem. [Gemeinde]
Vorsteher des Thales Stubaj zu erinnern …, die
Streitmannschaft heimlich haimkehren zu machen.
Worauf Pfurtscheller geantwortet haben will: Mein
Schwager, ich wage es nicht mich mit meinen Leuten aus
dem Lager nach Stubai zurückzuziehen, um nicht in den
Verdacht zu gelangen, ich fürchte mehr die Schüsse der
eigenen Landsleute als die der Feinde. (Nachlass
Pfurtscheller, Historische Sammlung Ferdinandeum)
Wie bei allen so genannten Tagebüchern und umso mehr bei
der Erinnerungsliteratur muss auch bei den Berichten
Pfurtschellers aufgrund der zeitlichen Distanz zwischen
Ereignis und Niederschrift des Berichts, so Martin P.
Schennach in seinem Buch „Revolte in der Region“, immer
auch der Rückkoppelungsprozess mit dem sich massiv
verändernden öffentlichen Erinnerungsdiskurs
berücksichtigt werden. Schenkt man diesen Berichten
Pfurtschellers jedoch, auch mit Abstrichen, Glauben, so
ist dies eines der Zeugnisse, die den zeitgenössischen
Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Novembertreffens gut
darstellen.
Michael Span
Quellen und Literatur:
- Historische Sammlung Ferdinandeum, Nachlass Michael
Pfurtscheller, Schachtel III, Mappe 1809, Nr. 77.
- Tiroler Landesarchiv, Nachlass Rapp, Schuber 18, Bund
18e Nr. 6.
- Michael Forcher, Anno Neun. Der Tiroler Freiheitskampf
von 1809 unter Andreas Hofer. Ereignisse, Hinter-gründe,
Nachwirkungen, Innsbruck 2008.
- Viktor Schemfil, Der Tiroler Freiheitskrieg 1809. Eine
militärhistorische Darstellung. Für den Druck
vorbereitet und herausgegeben von Bernhard Mertelseder (Schlern
Schriften 335), Innsbruck 2007.
- Martin P. Schennach, Revolte in der Region. Zur
Tiroler Erhebung von 1809 (Veröffentlichungen des
Landesarchivs 16), Innsbruck 2009.
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