|
Als im letzten Krieg die
Franzosen und Oesterreicher in der
Nachbarschaft von
Tyrol alle Hände voll miteinander zu tun hatten,
dachten die Tyroler: Im Trüben ist gut fischen. Sie
wollten nimmer
bayrisch sein. Viel Köpfe, viel Sinne, manchmal gar keiner. Sie wußten zuletzt selber nimmer recht, was sie wollten.
Unterdessen läuteten in allen Thälern die Sturmglocken.
Von allen Bergen herab kamen die Schützen mit ihren
Stutzen. Jung und alt, Mann und Weib griff zu den
Waffen. Die Bayern
und Franzosen hatten harten Stand; besonders
in den engen Pässen, wenn Felsenstücke wie kleine Häuser
so groß auf sie herabflogen. Bald glücklich, bald unglücklich
in ihren Gefechten, nahmen die Rebellen bald Innsbruck
ein, die Hauptstadt in Tyrol; bald mußten sie sie wieder
verlassen; bekamen sie wieder, und konnten sie doch
nicht behalten. Ungeheure Grausamkeiten wurden
verübt, nicht nur an
den bayerischen Beamten und Unterthanen, nein auch
an den
eigenen Landsleuten; Vogel friß oder stirb. Wer nicht
mitmachen
wollte, war des Lebens nicht sicher. Endlich als
manches schöne Dorf und Städtlein in der Asche lag, mancher
wohlhabende Mann war ein Bettler, mancher leichtsinnige
und rasende verlor das Leben; jedes Dorf, fast jedes
Haus hatte seine Leichen, seine Wunden und seinen
Jammer, da dachten
sie zuletzt, es sei doch besser bayerisch seyn, als sie
im Anfang gemeint hatten, und unterwarfen sich
wieder. Unversucht
schmeckt nicht. Nur einige Tollköpfe wollten lieber
zuerst ein
wenig erschossen oder gehenkt seyn; zum Beispiel
der Andreas Hofer.
Andreas Hofer, Sandwirt in Passeyer
und Viehhändler, hatte bis über sein vierzigstes Jahr,
bis der Aufstand ausbrach,
schon manch
Schöpplein Wein ausgeschenkt, manch Stücklein
Kreide an bösen
Schulden verschrieben, und schätzen konnte er ein
Häuptlein Vieh trotz Einem. Aber im Aufstand brachte
er es zum Kommandanten, nicht bloß von einem
Städtlein oder Thal,
nein von der ganzen gefürsteten Grafschaft Tirol,
und nahm sein Quartier nicht nur in einem Pfarrhof oder
etwa in einem
Amthaus, sondern in dem großen fürstlichen
Residenzschloß zu
Innsbruck. An fünfzigtausend Mann Landsturm
stand in kurzer Zeit unter seinem Befehl. Wer keine
Flinte hatte,
präsentierte das Gewehr mit der Heugabel. Was verordnet
und ausgefertigt wurde, stand Andreas Hofer darunter,
das galt. Sein geheimer Kriegsminister war ein geistlicher
Herr, Pater Joachim genannt, sein Adjutant war der
Kronenwirt von Blutenz [sic!], sein Schreiber ein
entlaufener Student.
Unter seiner Regierung wurden für dreißigtausend Gulden
eigene Zwanzigkreuzerstücke für Tirol geprägt, der
Hausfreund
hat auch einen Hut voll davon. Ja, er legte eine
eigene Stückgießerei
an, aber wie? Die Kanonen wurden aus
Holz gebohrt, und
mit starken eisernen Ringen umlegt. Item
es that gut, nur
nicht dem, den's traf. In Innsbruck ließ er sich
gut auftragen. Selber essen macht fett. Er sagte: „Ich
bin lang genug Wirt gewesen. Jetzt will ich auch einmal
Gast sein." Bei dem
allen veränderte er seine Kleidertracht nie. Er ging
einher wie ein gemeiner Tiroler, und trug einen Bart, so
lang das Haar
wachsen mochte. Nur im roten Gürtel trug er ein
Paar Terzerolen, und auf dem grünen Hut eine hohe
Reiherfeder, und
neben seinen schweren Regierungsgeschäften
trieb er den Viehhandel fort, wie vorher. Jetzt schickte
er einen
Adjutanten mit Befehlen an die Armee ab, jetzt kam ein
Metzger: „Wie theuer die vier Stiere, die Ihr bei
Eurem Schwager eingestellt habt?" Sonst war er kein ganz
roher Mann: viel Unglück hat er verhütet, wo er wehren
konnte. Aber größer war das Unglück, das er durch seine
Hartnäckigkeit gegen alle Einladungen zum Frieden und
durch seine Treulosigkeit verursachte. Jetzt schrieb er
an das bayerische Kommando: „Wir wollen uns unterwerfen
und bitten um Gnad. Andere Hofer Oberkommedant in Diroll
gewöster." Zugleich schrieb er an den Adjutant
Kronenwirt: „Wehrt euch solang ihr könnt. Trifft's
nicht, so gilt's nicht." Als sich aber endlich das
verblendete Volk der angebotenen Gnade seines
großmütigen Königs unterwarf, und alle, welche sich
nachher mit den Waffen des Aufruhrs noch blicken ließen,
gehenkt wurden,
mancher Baum trug solch ein Früchtlein, da war
Andreas Hofer nicht daheim zu finden, und an keinem
Baum; und es hieß, er sei ein wenig spazieren gegangen
über die Gränze. Den
Willen dazu mag er gehabt haben in seiner armen
hölzernen Hirtenhütte auf einem hohen Berg im hintersten
Passeyer Thal, wo er mit seinem Schreiber verborgen lag,
und mit sechs Fuß hohem Schnee verschanzt war. Sein Haus
und sein Vermögen war von den wütenden Bauern
geplündert. Dürftige Nahrung verschaffte ihm von Zeit zu
Zeit seine Frau, die jetzt selber mit ihren fünf Kindern
von fremden Wohlthaten lebt. Da sah es anders aus als in
der Burg zu Innsbruck. Schlimmeres Quartier wartete auf
ihn. Einer von seinen guten Freunden verrieth für Geld
seinen Aufenthalt.
Ein französisches Kommando umringte seine Hütte und nahm
ihn gefangen. Man fand bei ihm vier geladene
Kugelbüchsen, viel Geld, wenig Nahrung. Er selbst
war von Mangel, Kummer und Angst abgezehrt. So wurde er
von einer starken
militärischen Begleitung unter Trommelschlag durch das
Land nach Italien nach Mantua ins Gefängnis
gebracht, und daselbst erschossen. In solchen Wassern
fängt man solche
Fische.
Vorgetan und nachbedacht,
hat manchen in groß Leid
gebracht.
(Johann Peter Hebel, Schatzkästlein
des rheinischen Hausfreundes).
weiter zu
Seite 2
|