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Am 13. September 1959 kämpfte Andreas
Hofer nicht mehr wie 150 Jahre zuvor gegen Bayern und
Franzosen. Der Feind war nun plötzlich Italien, und es
ging um die Grenze am Brenner.
Denn im Mittelpunkt des
Festumzuges, wie überhaupt des ganzen Jahres, stand in
diesem Jahr die Südtirolfrage. Schützen trugen als
Symbol für den „Schmerz der Tiroler Bevölkerung“ über
die 1918 erfolgte Zweiteilung des Landes
eine schmiedeeiserne Dornenkrone mit. Andreas Hofer
wurde dargestellt als Kämpfer für die Einheit Tirols,
als Symbolfigur für den Freiheitskampf der Südtiroler.
25 Jahre später, am 9.
September 1984 führte wieder ein 1809-Gedenkumzug durch
Innsbrucks Innenstadt. 175 Jahre Andreas Hofer standen
auf dem Programm. Der Schwerpunkt lag dieses Mal weniger
bei der Südtirolfrage. Im Gegensatz zu 1959 hatte sich
der Konflikt mit Italien in der Zwischenzeit deutlich
entspannt. Ganz wollte man sich jedoch doch nicht mit
der „Unrechtsgrenze am Brenner“ abfinden. Abermals
wählte man als Symbol die Dornenkrone. Verlangte man
jedoch 1959 noch konkrete Grenzkorrekturen, so beschwor
man nun die „geistig-kulturelle Einheit“ Tirols. Die
Kontinuität von traditionellen „konservativen Tiroler
Werten“ sollte demonstriert werden.

Die Stoßrichtung der in
den Feierlichkeiten geäußerten Forderungen hatte sich
geändert. Ging es 1959 gegen Rom, so richtete sich das
Programm von 1984 besonders auf die Tiroler
Gesellschaft, also nach innen. An der traditionellen
Hofer-, beziehungsweise Tirol-Interpretation (hierzu
gehören Schlagworte wie Freiheitswille,
Rechtschaffenheit, Religiosität, Wehrhaftigkeit,
Wertekontinuität, etc.) wurde jedoch festgehalten. Doch
während dieses Bild 1959 noch unhinterfragt von großen
Teilen der Tiroler Bevölkerung mitgetragen wurde, hatte
sich die Gesellschaft bis 1984 in der Art verändert,
dass sich die konservativen politischen Eliten, die die
Feierlichkeiten als Identifikationsgrundlage für die
ganze Tiroler Bevölkerung postulierten, kritischen
Stimmen gegenüber sahen.
Aus zwei
unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen
Situationen heraus wurden die Figur des Andreas Hofer
und das Jahr 1809 in den Jubiläumsjahren 1959 und 1984
jeweils neu interpretiert und mit neuen Inhalten
gefüllt, um jeweils eine sinnstiftende Funktion erfüllen
zu können. Andreas Hofer und das Jahr 1809 sind nämlich
nicht nur Teile der politischen Geschichte Tirols. Sie
sind auch Teil seines kulturellen Gedächtnisses,
Geschichte, die nicht durch Historisierung vergeht,
sondern mit einer andauernden Bedeutung ausgestattet
wird, die die Vergangenheit in der Gesellschaft präsent
hält und ihr eine Orientierungsfunktion für die Zukunft
abgewinnt, wie es Aleida Assmann ausdrückt. Dieses
Gedächtnis brauche jedoch Pflege, um fortbestehen zu
können. Die Erinnerungsfiguren müssen immer wieder neu,
und zwar aus der jeweiligen politischen und
gesellschaftlichen Situation heraus, mit lebendigen
Gedächtnissen und neuen Inhalten verbunden werden. Der
Spielraum ist dabei groß, und das kann unter Umständen
auch in gefährliche Instrumentalisierung im Sinne
fragwürdiger Ziele münden - die Kehrseite der
Erinnerungskultur.
Michael Span
Quellen und Literatur:
- Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit.
Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006.
- Michael Forcher, Anno Neun. Der Tiroler Freiheitskampf
von 1809 unter Andreas Hofer. Ereignisse, Hintergründe,
Nachwirkungen, Innsbruck 2008.
- Andreas Oberhofer, Weltbild eines „Helden“. Andreas
Hofers schriftliche Hinterlassenschaft (Schlern
Schriften 342), Innsbruck 2008.
- Benedikt Posch, Tirol 1959, Innsbruck-Wien-München
1960.
- Siegfried Steinlechner, Des Hofers neue Kleider. Über
die staatstragende Funktion von Mythen,
Innsbruck-Wien-München 2000.
- Johannes Weber/Michael Span, Rituale der Erinnerung.
Die Gedächtnisfeiern 1959 und 1984 im Vergleich, in:
Brigitte Mazohl/Bernhard Mertelseder (Hg.), Abschied vom
Freiheitskampf?. Tirol und ‚1809‘ zwischen politischer
Realität und Verklärung, herausgegeben von
(Schlern Schriften 346), Innsbruck 2009, S. 503-524.
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