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Der Zorn richtete sich in erster Linie
gegen die Beamten, die im Namen Bayerns ihren Dienst
verrichtet hatten. Doch wurde in der Folge nicht so
genau zwischen „Freund“ und „Feind“ unterschieden,
sondern vielmehr traten die gegenseitigen Zuschreibungen
und Missverständnisse zwischen Stadt und Land offen
zutage. Der Priester Josef Daney berichtet in seinen
1814 niedergeschriebenen Erinnerungen von einem
Zwischenfall in Zirl, bei dem er gehört habe, wie die
Leute begeistert riefen: Auf, Mander! Af Sprucka acha!
D’Herra derschlage, d’Stadt plündera! G’scheider hoba’s
mier, as d’Buara! (Erinnerungen
Daney, S. 44)

Zur Anheizung des Aufstandes hatte Joseph
von Hormayr das Flugblatt „Auf Tiroler, auf“ in
tausendfacher Auflage drucken und verbreiten lassen.
Manche hielten es schon am 11. April abends in Händen.
Die erste Seite findet sich häufig in
Ausstellungskatalogen abgedruckt. Die wenigsten lesen
jedoch das gesamte Flugblatt, das unter anderem auch
eine deutliche Hetze gegen die Juden der Stadt enthält:
Die Geistlichkeit wurde verfolgt,
standhafte Bischöfe und Priester verjagt, die Abteyen
und Klöster beraubt, viele Kirchen entheiligt oder
gesperrt, das Kirchengut verschleudert, die heiligen
Geräthe absichtlich an Juden verkauft? – So forderten es
die Grundsätze jener verächtlichen Neuerungs- und
Zerstörungssucht, die nichts Heiliges, nichts Altes mehr
ehrt, und doch nichts Neues zu schaffen vermag. So will
es jene blutdürstige Heucheley, welche nichts als
Religion im Munde führt, während sie den heiligen Vater
in harter Gefangenschaft hält, und wie in Egypten den
Alkoran, so in Europa bald das Evangelium, bald den
Talmud zu ihren herrsch- und habsüchtigen Entwürfen
mißbraucht.
(zit. nach Hörmann, Interessante Beyträge, S. 3f.)
Dies fiel auf fruchtbaren Boden. Nicht
wissend, dass die Juden direkt und indirekt auch den
Aufstand mitfinanziert hatten, richtete sich ein
Großteil der Ausschreitungen gegen die jüdische
Bevölkerung. Die Tagebücher bzw. Zusammenfassungen und
Erinnerungen von Andreas von Dipauli, Anton Knoflach und
Josef Daney berichten ausführlich darüber. Nun begann
eine allgemeine Plünderung der Judenfamilien. Der Grund
des Volkshasses wider sie war, weil sie vor kurzem bey
der öffentlichen Versteigerung das Kirchensilber gekauft
hatten. Die Personen dieser Familien wurden mit harter
Mühe vor der Volkswuth gerettet, heißt es etwa in
Dipaulis Tagebuch (p. 7v) Er bekam diese Plünderungen,
die sich auch gegen ihn als hohen Beamten im Rang eines
Appellationsrats richteten, am
deutlichsten mit, da die Familie Uffenheimer im selben
Haus, in dem er wohnte – damals Engelhaus genannt (Ecke
Burggraben/Maria-Theresien-Straße) – ihren Verkaufsladen
hatte. Mehr auf das Hörensagen war wahrscheinlich Daney
angewiesen, der sich zwar vor Ort befand, aber nicht
überall dabei sein konnte. Zudem schrieb er seine
Erinnerungen erst einige Jahre später nieder. Aus diesem
Grunde klingen seine Berichte schon nach fertig
abgepackten, oftmals gehörten und erzählten Geschichten:
Ein Jude verkoch sich mit seinem Gelde
und Kostbarkeiten in einen Ofen. Die Bauern kamen,
nachdem sie das ganze Haus durchsucht, in das Zimmer und
schlugen mit ihren Gewehrkolben den Ofen ein. Der arme
Jude, mit Staub und Ruß bedeckt, verdrehte, sich
wahrscheinlich in Isaaks unangenehme Schlachtopferlage
denkend, so sonderbar seine erschrockene, schwarze Miene
und rief so fürchterlich unverständlich seine
Patriarchen zu Hilfe, daß die Bauern selbst erschrocken
den Teufel zu sehen glaubten und, sich segnend, über
Hals und Kopf davonliefen. Daß der betäubte Israelit
nicht lange mehr mit seinem Gelde unter den Trümmern
seines Ofens verweilte, können Sie sich leicht denken!
Ein anderer Jude verbarg sich in einem Weinfasse,
welches mit Stroh zugedeckt war. Die Bauern durchwühlten
das ganze Stroh und stachen es mit Bajonetten durch.
Denken sie sich den Angstschweiß des armen Hebräers!
Wieder ein anderer floh aus seinem Hause über die Gasse,
als er zur Klosterkaserne kam, sah er einige Bauern
durch eine entferntere Gasse herziehen. Um ihnen nicht
in die Hände zu fallen und sich zu retten, verkroch er
sich unter ein leeres Mehlfaß, deren mehrere vor der
Kaserne standen. Der Zufall wollte, daß die Bauern
gerade auf dieses Faß losgingen, um auf demselben ihre
an Geld gemachte Beute zu teilen. Stellen Sie sich das
Zittern des beängstigten Juden und seine mißliche Lage
vor, wenn die Bauern auf einmal das Faß umgeworfen, oder
wenn einer ihn unter demselben verspürt und ihm so
plötzlich zugerufen hätte: „Veni foras, Lazare!“
(Erinnerungen Daney, S. 28)
Ellinor
Forster
Quellen und Literatur
- Mercedes Blaas (Hg.), Der Aufstand der
Tiroler gegen die bayerische Regierung 1809 nach den
Aufzeichnungen des Zeitgenossen Josef Daney (Schlern-Schriften
328), Innsbruck 2005.
- [Joseph von Hörmann], Interessante
Beyträge zu einer Geschichte der Ereignisse in Tyrol vom
10. April 1809 bis zum 20. Februar 1810. Gesammelt und
herausgegeben zur unterhaltenden Vergleichung mit andern
Nachrichten, Zeitungen und französischen
Armee-Tags-Berichten – nebst kurzen Anmerkungen, o. O.
1810.
- Wolfgang Meighörner, Das Tagebuch des
Appellationsrates Andreas Alois Baron di Pauli von
Treuheim, in: ders. (Hg.), Wissenschaftliches Jahrbuch
der Tiroler Landesmuseen 2008, Innsbruck 2008, S.
204-329.
- Franz Schumacher (Hg.), Anton
Knoflach’s Tagebuch über die Ereignisse in Innsbruck …
im Jahre Neun … (Anno Neun XIII), Innsbruck 1909.
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