150 Jahre sind vergangen und eine Entscheidungsschlacht,
verloren von Österreich, - nicht nur, aber auch durch eigene Schuld, -
die zum Totengeläute des Vielvölker-Staates entscheidend beigetragen
hat, scheint vergessen zu sein. Wenn wir uns heute, im Jahr einer
demokratischen Wahl zum Europäischen Parlament, dem Gedenken an jene
40.000 Tote und Verletzte verschließen, die innert ca. 12 Stunden Leben
oder Gesundheit lassen mussten für etwas, das sie nicht verstanden und
dass ihrem Lebensinhalt fremd war, oder es, wie unsere Vorfahren,
verdrängen, verkennen wir, dass eben diese Europäische Union auch auf
solchen Fundamenten beruht.
Ich bedaure, dass unsere Beziehungen nicht so gut
sind, wie ich es wünschen würde, ich bitte Sie aber, nach Wien zu
berichten, dass meine persönlichen Gefühle für den Kaiser immer die
gleichen sind!. Diese Adresse Napoleons III.
an den österreichischen Gesandten in Paris beim Neujahresempfang 1859
für das diplomatische Korps konnte man gut als Kriegserklärung an
Österreich verstehen.
In Oberitalien selbst verkam die anfängliche Akzeptanz
der casa d'austria durch die Politik Wiens
und Radetzkys, die immer mehr zum eigentlichen Nährboden für
risorgimento und irredenta wurde. In dieses schmerzliche Loch
bohrte mit Genuss der sardinisch/piemontesische Ministerpräsident Graf
Cavour, der durch die Heiratspolitik für das sardische Königshaus und
für das Versprechen eines Erfolgshonorars (Abtretung von Savoyen und
Nizza an Frankreich) die Franzosen gewinnen konnte, sich am
"Befreiungskrieg" gegen Österreich zu beteiligen. Österreich musste
durch "politisches Mobbing" zu einer Kriegserklärung an Piemont gebracht
werden. Und Wien ging in die Falle. Österreich richtete ein Ultimatum an
Piemont, das in seinem Umfang ein souveräner Staat nicht annehmen
konnte. Die Feindseligkeiten wurden eröffnet, obwohl Österreich weder
finanziell noch militärisch für einen Krieg gerüstet gewesen wäre. Der
Nachfolger Radetzkys in Mailand war FZM Graf Gyulai, ein Günstling des
Hofes, der wider seines besseren Wissens das Kommando annahm. Was der
Radetzky, der alte Esel, zusammengebracht, wirst Du auch noch können
soll Graf Grünne, der damals mächtigste Militär und Generaladjudant des
Kaisers, in der üblichen Hofschranzen-Arroganz als Argument für die
Berufung vorgebracht haben. FZM Gyulai war ein "cunctator" im
Felde, aber auch die mangelhafte Ausbildung der Armee und die veraltete
Ausrüstung der Artillerie (aus Geldmangel) führten innert kürzester Zeit
zur Niederlage von Magenta und zum Rückzug der Österreicher
hinter den Mincio ins Festungsviereck
Peschiera-Verona-Mantua-Legnano. Gyulai wurde abgesetzt, aber ein
29-jähriger, unerfahrener Kaiser, der von seinem Gottesgnadentum
überzeugt war und der jede Kritik an seinen Entscheidungen als
Hochverrat betrachtete, übernahm das Kommando.
Mangelnde Aufklärung vor dem "Feind", damit verbunden
falsche strategische Planung, aber auch, wie schon erwähnt, technische
Unterlegenheit der Artillerie, Missachtung sozialer Bedürfnisse der
Truppe (Verpflegung) und in Einzelfällen Eigenmächtigkeiten von
Unterkommandeuren führten am 24. Juni 1859 zu einer der für Österreich
verlustreichsten Schlachten. Einem Aufgebot von 140.000 Österreichern
standen 95.000 Franzosen und 40.000 Piemontesen gegenüber. Davon waren
nach ungefähr 12 Stunden 9.800 tot, 20.000 verletzt und 11.400
verschollen oder gefangen. Die Schlacht selbst hat eher zufällig
stattgefunden, keine der Parteien war zu Beginn in Kampfposition, die
politischen Ergebnisse waren auf allen Seiten eher marginal. Die Würfel
waren bereits in Magenta gefallen, die Lombardei durch den
Verlust von Mailand bereits verloren, das 40.000-fache Opfer von
Leib und Leben war eigentlich sinnlos. Die österreichische Armee zog
sich wieder hinter den Mincio zurück.
Napoleon III. war angetreten, seinen italienischen
Waffenbrüdern bei der Einigung Italiens beizustehen und den Erbfeind,
den durch Österreich repräsentierten Deutschen Bund in die
Schranken zu weisen. Mit dem Sieg bei Solferino war ein Teil
dieses Vorhabens gelungen. Die Bezwingung Österreichs im
Festungsviereck, in Venetien und eventuell auch im Trentino würde noch
viel Blut, Geld und Zeit kosten. Napoleon schloss daher mit Österreich
einen Waffenstillstand von 6 Wochen, der im Moment nicht unbedingt
notwendig gewesen wäre, aber die Möglichkeit eines Treffens der beiden
Kaiser in Villafranca bot. Vittorio Emanuele II. und Graf Cavour wurden
nicht gefragt. Bei diesem Treffen unter vier Augen wurde dem jungen
Kaiser Franz Joseph klar gemacht, dass er mit seinen finanziellen
Ressourcen, seinem schwer zu kontrollierenden Vielvölkerstaat und der
allgemeinen Unbeliebtheit, die Österreich im Verein der europäischen
Völker genoss, sich sehr schwer tun würde mit der Fortsetzung eines
Krieges, den er leichtsinnigerweise vom Zaun gebrochen hatte. An eine
Rückeroberung der Lombardei war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken.
Aus dem Waffenstillstand wurde ein Vorfrieden, der im
neutralen Zürich zum regulären Frieden vertieft wurde. Die Lombardei
wurde über Frankreich an Piemont abgetreten, die habsburgischen
Fürstentümer Toskana, Parma und Modena wurden von Österreich
preisgegeben und durch Pseudo-Volksabstimmungen dem jungen Staat Italien
eingegliedert. Die endgültige Einigung Italiens wurde von Napoleon III.
auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, auch wenn deshalb Graf Cavour
aus Protest zurücktrat.
Im Rückblick aus unseren Tagen waren die Kämpfe, die
Toten, die Verwundeten, die Gefangenen und Verschollenen, das
schreckliche Leid für die unmittelbar Beteiligten sinnlos. Oberitalien
wurde durch den Neoabsolutismus verloren, durch eine rückgewandte Politik und Verwaltung, die die Zeichen der Zeit, das
Erwachen demokratischer Bedürfnisse der Völker Europas nicht erkannte.
Der Verlust Oberitaliens hätte auch ohne Magenta-Solferino-Custozza
stattgefunden. Das wollten oder konnten die Herrschenden nicht
wahrhaben.
Sollen wir die weltweit anerkannten positiven
Errungenschaften, die in dieser kriegerischen Zeit ihre Wurzeln haben,
nur deswegen nicht erwähnen, weil sie ohne österreichisches Zutun
entstanden sind? Sind uns das Rote Kreuz, und die Erste Genfer
Konvention, keinerlei Erwähnung wert, obwohl sie ihren Ursprung im
Zurücklassen tausender unversorgter Opfer auf dem Schlachtfeld von
Solferino haben? Gerade verlorene Schlachten bieten, auch über
Generationen hinweg, die Gelegenheit, aus Fehlern zu lernen und Fehler
zu vermeiden. Haben wir – mit Blick auf WK I, WKII und Holocaust –
daraus gelernt? Solferino
und Magenta sind Teil unserer Geschichte. Bekennen wir uns dazu.
Für die ausführliche Fassung siehe: Rainer
Neumeister, Das Debakel von Solferino, in: Wiener Zeitung (Extra) vom
27. Juni 2009.
Literatur