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1859 - 2009

150 Jahre Solferino / San Martino

Rainer Neumeister

 

Ossarium Solferino

(c) Rainer Neumeister


150 Jahre sind vergangen und eine Entscheidungsschlacht, verloren von Österreich, - nicht nur, aber auch durch eigene Schuld, - die zum Totengeläute des Vielvölker-Staates entscheidend beigetragen hat, scheint vergessen zu sein. Wenn wir uns heute, im Jahr einer demokratischen Wahl zum Europäischen Parlament, dem Gedenken an jene 40.000 Tote und Verletzte verschließen, die innert ca. 12 Stunden Leben oder Gesundheit lassen mussten für etwas, das sie nicht verstanden und dass ihrem Lebensinhalt fremd war, oder es, wie unsere Vorfahren, verdrängen, verkennen wir, dass eben diese Europäische Union auch auf solchen Fundamenten beruht.

 

Ich bedaure, dass unsere Beziehungen nicht so gut sind, wie ich es wünschen würde, ich bitte Sie aber, nach Wien zu berichten, dass meine persönlichen Gefühle für den Kaiser immer die gleichen sind!. Diese Adresse Napoleons III. an den österreichischen Gesandten in Paris beim Neujahresempfang 1859 für das diplomatische Korps konnte man gut als Kriegserklärung an Österreich verstehen.

 

In Oberitalien selbst verkam die anfängliche Akzeptanz der casa d'austria durch die Politik Wiens und Radetzkys, die immer mehr zum eigentlichen Nährboden für risorgimento und irredenta wurde. In dieses schmerzliche Loch bohrte mit Genuss der sardinisch/piemontesische Ministerpräsident Graf Cavour, der durch die Heiratspolitik für das sardische Königshaus und für das Versprechen eines Erfolgshonorars (Abtretung von Savoyen und Nizza an Frankreich) die Franzosen gewinnen konnte, sich am "Befreiungskrieg" gegen Österreich zu beteiligen. Österreich musste durch "politisches Mobbing" zu einer Kriegserklärung an Piemont gebracht werden. Und Wien ging in die Falle. Österreich richtete ein Ultimatum an Piemont, das in seinem Umfang ein souveräner Staat nicht annehmen konnte. Die Feindseligkeiten wurden eröffnet, obwohl Österreich weder finanziell noch militärisch für einen Krieg gerüstet gewesen wäre. Der Nachfolger Radetzkys in Mailand war FZM Graf Gyulai, ein Günstling des Hofes, der wider seines besseren Wissens das Kommando annahm. Was der Radetzky, der alte Esel, zusammengebracht, wirst Du auch noch können soll Graf Grünne, der damals mächtigste Militär und Generaladjudant des Kaisers, in der üblichen Hofschranzen-Arroganz als Argument für die Berufung vorgebracht haben. FZM Gyulai war ein "cunctator" im Felde, aber auch die mangelhafte Ausbildung der Armee und die veraltete Ausrüstung der Artillerie (aus Geldmangel) führten innert kürzester Zeit zur Niederlage von Magenta und zum Rückzug der Österreicher hinter den Mincio ins Festungsviereck Peschiera-Verona-Mantua-Legnano. Gyulai wurde abgesetzt, aber ein 29-jähriger, unerfahrener Kaiser, der von seinem Gottesgnadentum überzeugt war und der jede Kritik an seinen Entscheidungen als Hochverrat betrachtete, übernahm das Kommando.

 

Mangelnde Aufklärung vor dem "Feind", damit verbunden falsche strategische Planung, aber auch, wie schon erwähnt, technische Unterlegenheit der Artillerie, Missachtung sozialer Bedürfnisse der Truppe (Verpflegung) und in Einzelfällen Eigenmächtigkeiten von Unterkommandeuren führten am 24. Juni 1859 zu einer der für Österreich verlustreichsten Schlachten. Einem Aufgebot von 140.000 Österreichern standen 95.000 Franzosen und 40.000 Piemontesen gegenüber. Davon waren nach ungefähr 12 Stunden 9.800 tot, 20.000 verletzt und 11.400 verschollen oder gefangen. Die Schlacht selbst hat eher zufällig stattgefunden, keine der Parteien war zu Beginn in Kampfposition, die politischen Ergebnisse waren auf allen Seiten eher marginal. Die Würfel waren bereits in Magenta gefallen, die Lombardei durch den Verlust von Mailand bereits verloren, das 40.000-fache Opfer von Leib und Leben war eigentlich sinnlos. Die österreichische Armee zog sich wieder hinter den Mincio zurück.

 

Napoleon III. war angetreten, seinen italienischen Waffenbrüdern bei der Einigung Italiens beizustehen und den Erbfeind, den durch Österreich repräsentierten Deutschen Bund in die Schranken zu weisen. Mit dem Sieg bei Solferino war ein Teil dieses Vorhabens gelungen. Die Bezwingung Österreichs im Festungsviereck, in Venetien und eventuell auch im Trentino würde noch viel Blut, Geld und Zeit kosten. Napoleon schloss daher mit Österreich einen Waffenstillstand von 6 Wochen, der im Moment nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, aber die Möglichkeit eines Treffens der beiden Kaiser in Villafranca bot. Vittorio Emanuele II. und Graf Cavour wurden nicht gefragt. Bei diesem Treffen unter vier Augen wurde dem jungen Kaiser Franz Joseph klar gemacht, dass er mit seinen finanziellen Ressourcen, seinem schwer zu kontrollierenden Vielvölkerstaat und der allgemeinen Unbeliebtheit, die Österreich im Verein der europäischen Völker genoss, sich sehr schwer tun würde mit der Fortsetzung eines Krieges, den er leichtsinnigerweise vom Zaun gebrochen hatte. An eine Rückeroberung der Lombardei war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken.

 

Aus dem Waffenstillstand wurde ein Vorfrieden, der im neutralen Zürich zum regulären Frieden vertieft wurde. Die Lombardei wurde über Frankreich an Piemont abgetreten, die habsburgischen Fürstentümer Toskana, Parma und Modena wurden von Österreich preisgegeben und durch Pseudo-Volksabstimmungen dem jungen Staat Italien eingegliedert. Die endgültige Einigung Italiens wurde von Napoleon III. auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, auch wenn deshalb Graf Cavour aus Protest zurücktrat.

 

Im Rückblick aus unseren Tagen waren die Kämpfe, die Toten, die Verwundeten, die Gefangenen und Verschollenen, das schreckliche Leid für die unmittelbar Beteiligten sinnlos. Oberitalien wurde durch den Neoabsolutismus verloren, durch eine rückgewandte Politik und Verwaltung, die die Zeichen der Zeit, das Erwachen demokratischer Bedürfnisse der Völker Europas nicht erkannte. Der Verlust Oberitaliens hätte auch ohne Magenta-Solferino-Custozza stattgefunden. Das wollten oder konnten die Herrschenden nicht wahrhaben.

 

Sollen wir die weltweit anerkannten positiven Errungenschaften, die in dieser kriegerischen Zeit ihre Wurzeln haben, nur deswegen nicht erwähnen, weil sie ohne österreichisches Zutun entstanden sind? Sind uns das Rote Kreuz, und die Erste Genfer Konvention, keinerlei Erwähnung wert, obwohl sie ihren Ursprung im Zurücklassen tausender unversorgter Opfer auf dem Schlachtfeld von Solferino haben? Gerade verlorene Schlachten bieten, auch über Generationen hinweg, die Gelegenheit, aus Fehlern zu lernen und Fehler zu vermeiden. Haben wir – mit Blick auf WK I, WKII und Holocaust – daraus gelernt? Solferino und Magenta sind Teil unserer Geschichte. Bekennen wir uns dazu.

 

Für die ausführliche Fassung siehe: Rainer Neumeister, Das Debakel von Solferino, in: Wiener Zeitung (Extra) vom 27. Juni 2009.

 

Literatur

 

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